Predigten aus dem Leben gehalten von :

Pfarrer Lothar Klinges,
Lindenstraße 25, B - 4750 Weywertz
Tel. 003280446069; Telefax: 003280447769

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Predigten im Jahreskreis - Lesejahr A
33. Sonntag

Mt 25, 14-30
17. November 1996

Liebe Mitchristen!
Ich erinnere mich noch genau an die Zeit, als ich so 14 oder 15 Jahre alt war. Da habe ich oft im stillen andere Mitschüler beneidet. Ich habe mich oft gefragt: Warum sehe ich nicht so gut aus wie der oder der? Warum bin ich so unsportlich und die anderen so sportlich? Warum kann ich nicht so gut Fußball spielen und rechnen wie andere? Warum kann eine das so gut und ich kann das nicht ?

Ich kann mich auch noch an die Angst erinnern, die ich dann z.B. in der Turnstunde hatte, wenn alle wieder zugeschaut haben und nur drauf gelauert haben, dass ich's wieder nicht schaffe. Das hat mir allen Mut genommen. Und ich habe mir mit der Zeit dann eingeredet : Du kannst das doch nicht, du lernst es sowieso nie, die bist eben eine Niete.

Heute kann ich schmunzeln, wenn ich daran zurückdenke. Ich habe nämlich inzwischen entdecken dürfen, dass meine Fähigkeiten und Talente anderswo liegen. Ich habe entdeckt, dass ich zwar keine Sportskanone und Fußball-As bin, dafür habe ich aber damals entdeckt, dass in der Pfarre und in der Leitergruppe Typen wie ich gefragt waren und gebraucht wurden. Und das hat es mir ermöglicht, manches von dem, was ich nicht gekonnt habe, gelassener zu nehmen.

Ich habe gelernt, dass es gar nichts nützt, immer nur zu jammern, bestimmte Dinge nicht zu können - weil Gott mir ganz andere Dinge zutraut. Ich war also auch so einer, der das Talent im Boden vergraben hat und neidisch war, dass die anderen fünf oder zwei Talente bekommen haben und ich selber nur eines. Und ich glaube heute, dass es viele Menschen gibt, denen es genauso geht. Menschen, die auf die anderen schauen und sich fragen: Booo, was der andere wohl alles kann und ich kann nichts! Warum geht bei mir alles schief und bei anderen klappt alles so gut?

Man sieht dann das eigene Leben nicht mehr als Chance, sondern als Belastung. Man fühlt sich wertlos, nicht beachtet und überflüssig. Gott gibt nicht jedem gleichviel mit und nicht jedem dasselbe. Und mancher trägt von Geburt an oder durch Erziehung eine schwere Hypothek mit sich herum. Jeder steckt auch in seiner Haut, aus der er manchmal heraus möchte und doch nicht kann. Viele Menschen laufen verbittert oder enttäuscht herum und schauen neidisch auf die anderen, die scheinbar all das haben und können, was sie bei sich selber vermissen.

Das Evangelium von heute (vom heutigen Sonntag) sieht die Dinge aber anders. Das Evangelium sagt uns: Jeder ist von Gott beschenkt. Keinem hat er alles gegeben und keinem hat er nichts gegeben. Vielleicht ist bei manchem das Talent nur so sehr verschüttet, dass er es allein gar nicht mehr ausgraben kann. Dann braucht er Menschen, die ihm helfen: Menschen, die nicht andauernd sagen: Lass das, du lernst das ja sowieso nie, du schaffst das ohnehin nicht, sondern Menschen, die mir Mut machen. Wenn Gott mir solche Menschen über den Weg schickt, die mir nicht den Mut nehmen, sondern mir Selbstvertrauen geben, dann ist das ein Geschenk.

Ich stünde wohl heute nicht hier, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, die mir gesagt haben: Du schaffst das und du kannst das! Und so könnte auch unsere Pfarre sein: ein Ort, wo Menschen sich gegenseitig ermutigen und ihre Talente ins Spiel bringen. Ein Ort, wo Menschen sich freuen können über die Gaben des anderen. Ein Ort, wo Menschen sich gegenseitig bereichern und beschenken. Wie wäre das schön!

Unser Evangelium will uns also Mut machen und froh machen, dass wir von Gott beschenkt sind. Es will uns Mut machen, unsere verborgenen Schätze auszugraben und anzuschauen und zu überlegen, wie und wo wir sie ins Spiel bringen können ob als Erstkommunionkatechetin oder Firmbegleiter, ob in der Pastoralgruppe (unserem Pfarrgemeinderat) oder im Familienmesskreis, ob als KLJ - Leiter oder in der Krankenbesuchsgruppe und im Bibelkreis, ob als Lektor oder Kommunionhelfer usw. usf.

Dieses Evangelium will aber auch uns Vertrauen schenken, dass jeder von uns er selbst werden kann (und nicht eine Kopie vom anderen) : Ein jüdischer Lehrer, der Susja hieß, sagte zu seinen Schülern: In der kommenden Welt wird Gott mich einmal nicht fragen: Warum bist du nicht wie Moses gewesen, die dieser große Führer Israels? Und Gott wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht wie Elija gewesen, wie der große Prophet? Aber eines wird er mich ganz bestimmt fragen: Warum bist du nicht du selbst gewesen? Und darum, so schloss der Rabbi, versuche ich jeden Tag, ich selbst zu werden.

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