Predigten aus dem Leben gehalten von :

Pfarrer Lothar Klinges,
Lindenstraße 25, B - 4750 Bütgenbach-Berg / Weywertz
Tel. 003280446069; Telefax: 003280447769

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Predigten im Jahreskreis - Lesejahr B
3. Sonntag

Jon 3,1-5,10 ; Mt 1,14-20
25. Januar 2009

Nachdem man Johannes den Täufer ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um, und glaubt an das Evangelium! Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihr Netz auswarfen; sie waren nämlich Fischer. Da sagte er zu ihnen: Kommt her, folgt mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm. Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus; und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. Sofort rief er sie, und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach. (Mk 1,14-20)

Das Wort des Herrn erging an Jona: Mach dich auf den Weg, und geh nach Ninive, in die große Stadt, und droh ihr all das an, was ich dir sagen werde. Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der Herr es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage, und Ninive ist zerstört! Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus, und alle, groß und klein, zogen Bußgewänder an. Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er führte die Drohung nicht aus. (Jona 3,1-5. 10)

 

Liebe Mitchristen,

Das Bild ist unglaublich drastisch: Jesus von Nazareth kommt vorbei, ruft Simon, Andreas, Jakob und Johannes aus ihren Fischerbooten, und die kommen tatsächlich mit, um sich von ihm zu Menschenfischern machen zu lassen.
Na, die Gesichter der Eltern und Familien möchte ich gerne mal ge¬sehen haben! Sie müssen fassungslos gewesen sein und wahrscheinlich wütend in ihrer Machtlosigkeit. Demgegenüber ist die Idee eines modernen Jugendlichen, zum Beispiel für ein Jahr nach Südamerika zu gehen und dort in einem Sozialprojekt mit Straßenkindern zu arbeiten, für Eltern vergleichsweise leichte Kost. Doch selbst die Idee eines Sohnes oder einer Tochter, entgegen dem Studienwunsch der Eltern (Medizin, Betriebs¬wirtschaft, Jura?) lieber eine Ausbildung als Krankenpfleger, Sozialpädagogin oder Geigenbauer zu wählen, reicht oft schon für gigantische Katastrophen.

Es braucht nicht viel Fantasie, denn die Realität schreibt solche Drehbücher täglich. Kinder leben anders als ihre Eltern es möchten und müssen das auch tun, wenn sie in dieser Welt ihren Weg finden wollen.

Die Jünger im Evangelium, nennen wir sie mal „die Jungs", brennen durch, verlassen Ihre Elternhäuser und ihre Heimat, überantworten die Zurückbleibenden sich selbst, weil es um mehr geht, um alles: Es geht um Berufung. Was ist mein Weg, was wird aus mir? Worauf, auf wen und auf was baue ich mein Leben? Es geht um die Frage aller Fra¬gen: Was ist der Sinn meines Lebens?

Sicherlich war es auch vor 2000 Jahren nicht gerade leicht für „die Jungs", diese Fragen mit einer so klaren und radikalen Entscheidung zu beantworten, so dass man kaum glauben mag, dass sie damals einfach so mitgegangen sind, als Jesus sie rief.
Wie viel schwieriger ist so eine klare Antwort dann erst heute, in dieser rasanten und immer komplizierter werdenden Welt: Eine Generation, der fast alle Möglichkeiten offen stehen, muss sich entscheiden. Was fange ich mit meinem Leben an? Und wenn ich sogar einen bestimmten Weg als meine Berufung sehe oder wenigstens erahne, wie kann ich ihm folgen? Und: Werde ich meiner Berufung oder dem, was ich dafür halte, erfolgreich folgen können? Wird mein Leben gelingen? Was wird aus mir, wenn ich scheitere? Soll ich wirklich meinen eigenen Ideen nachgehen, auch wenn mir meine Eltern etwas ganz anderes empfehlen?

Die Eltern hingegen wollen natürlich aus ihrer Sicht nur das Beste für ihre Kinder, wollen verhindern, dass sie die gleichen Fehler machen, wollen errei¬chen, dass die Kinder es besser machen und besser haben. Vor allem an der Schwelle zum Erwachsenwerden gibt es jede Menge Gelegenheiten, einander wirklich zu verlieren: Aus manchem mit Macht verhinderten Auszug wird ein innerer Exodus, ein Auszug in Gedanken und Gefühlen. Die möglichen Varianten dieses sehr ernsten Spiels sind unendlich.

Aber wenn wir nun wieder einen Blick ins Evangelium werfen, sehen wir, dass es vor allem um eines geht: um die Frage, wie wir mit Berufung umge¬hen, wie auch immer diese geartet sei. Wir leben ständig in Lebensgefahr, denn Leben ist immer lebensgefährlich.

Lebensträume können scheitern, und das können die Kinder von der Elterngeneration lernen. Aber schlimmer als das Sterben ist es, lebendig zu sein ohne zu leben. Heruntergeschluckte Lebensträume und Berufungen führen in die Depression, in Angst und lebenslanges stilles Leiden. Das ist kein Ge¬heimnis und nicht nur Psychologen und Seelsorgern bekannt.
Ermutigen wir uns selbst, unsere Kinder zu ermutigen, ihre Berufung zu finden. Vielleicht trauen wir uns sogar, ihnen mal von unseren Lebensträumen zu erzählen - von denen, die in Erfüllung gingen und von denen, die scheiter¬ten. Trauen wir uns doch, uns selbst noch einmal neu diese Frage zu stellen, für unser eigenes, erwachsenes Leben: Was ist meine Berufung? Wie habe ich mich entschieden und wie entscheide ich mich? Auch wenn wir schon in Verantwortungen und Verbindlichkeiten stehen: Für uns alle ist heute der erste Tag unseres restlichen Lebens.

Wenn ich aufhöre mich zu fragen, was für Kinder ich haben will, darf ich mir überlegen, was für ein Vater, was für eine Mutter ich selbst sein möchte. Ei¬nes ist sicher: Nichts auf der Welt sollte wichtig genug sein, sich zwischen mich und die zu stellen, die ich liebe. Gott kommt zu uns nur in der Liebe anderer Menschen. In unseren Kindern begegnet uns Gott mit seiner bedingungslosen Liebe, und sie suchen seine bedingungslose Liebe in uns Alten. Und deshalb sollte gerade hier das Wort des Apostels Paulus gelten, der ja übrigens erst ziemlich spät seine wahre Berufung entdeckt hat: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes (Rom 8). Amen.

(Ideen aus FaJu, Januar 2009)


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